Dies ist ein Thema, das mir schon seit dem ersten Tag an dem ich in Hong Kong angekommen bin unter den Nägeln brennt. Warum gibt es so unendlich viele Leute, die mir jeden Tag bei jedem Gang einfach nur im Weg stehen?
Es beginnt quasi sobald ich unsere Wohnung verlasse. Der erste Gang ist in den Aufzug. Wir wohnen ganz oben, also in der 49. Etage. Daher ist der Aufzug leer wenn er ankommt. Bis wir das Erdgeschoss erreicht haben füllt sich der Aufzug und genau da beginnt das Problem. Er hält im Schnitt ca. 4 Mal auf dem Weg nach unten. Pro Anhalten steigen ca. 2-3 Personen ein. Das macht eine Mindestanzahl von 9-13 Personen (mich eingeschlossen). Der Aufzug ist darauf ausgelegt 8 Personen zu transportieren. Damit die zusätzlichen 5 Personen in den Aufzug passen rücken alle unfreiwillig etwas nächer zusammt. Dabei wird mir regelmässig auf die Füsse getreten, mir ein Rucksack an den Bauch gerammt, ein fieser Geruch in die Nase gedrückt oder etwas zu Essen an meinen Klamotten abgerieben.
Unten angekommen setzt sich das Problem fort. Wer als erstes einsteigt, der steigt als letztes aus. Ist ja auch kein Ding aber wir haben alle das gleiche Ziel! Die MTR (Hong Kong's U-Bahn). Unmittelbar vor mir laufen also 8-12 Asiaten. Der Weg den wir laufen ist ca. 2,50 m breit. Nun fallen die ersten negativ auf. Typisch an dieser Stelle ist es zu seinem Handy zu greifen und zu telefonieren, seinen gameboy in Gang zu setzen oder den ipod neu einzustellen. Dabei wird 100% der Konzentration auf das Handy, den gameboy oder den ipod verwendet. Fürs Laufen bleibt keine Hirnzelle mehr übrig. Das führt je nachdem, was gerade für mich als hinterherlaufende verwirrender ist entweder zum starken unvorhersehbaren abbremsen oder zu einem langsamen von rechts nach links chaotisch verlaufenden Gang. Ich habe also bis zu 12 sich chaotisch bewegende relativ langsame Hindernisse vor mir. Was soll ich also tun?
Die eine Möglichkeit wäre dahinter zu bleiben und einfach etwas langsamer zu gehen. Das liegt mir aber nicht, da ich nicht gern langsam laufe.
Die andere Möglichkeit ist zu überholen. Das ist bislang mein Favorit. Ich laufe also mit meiner persönlichen Durchschnittsgeschwindigkeit, die ca. 3 km/h schneller ist als die meiner unzähligen Mitmenschen, durch diesen Slalompakur. Wenn ich vorm Eingang alle überholt habe ohne wen anzurempeln, dann habe ich meinen persönlichen Level 1 geschafft.
Level 2 startet beim besteigen des Zuges. An den U-Bahnhöfen gibt es klare Anweisungen wie ein Zug bestiegen werden soll. "Please let passengers exit first." Für mich ist das eine klare Ansage nicht beim Öffnen der Zugtüren die zu überrennen, die aussteigen wollen sondern zu warten bis diese ausgestiegen sind und erst dann einzusteigen. Wenn man denn nicht ununterbrochen auf sein Handy, gameboy oder ipod starrt, dann entgehen einem auch nicht die Pfeile, die an jedem Zugeinstieg auf dem Boden angebracht sind. In der Mitte sind Pfeile die in Richtung aus dem Zug raus zeigen und jeweils an den Seiten sind Pfeile die in den Zug rein zeigen. Ich verstehe das so, dass die die aussteigen wollen das in der Mitte tun und die Einsteigenden sich an den Seiten anstellen um in dem Zug zu kommen. Praxis ist jedoch, dass alle gleichzeitig aus- und einsteigen und das natürlich in der Mitte.
Im Wagon angekommen habe ich dann nicht selten schon einen Hals. Dann stehe ich im 8. Monat schwanger, mich an eine Stange krallend im Gang. Einen Sitzplatz zu bekommen hatte ich bereits zu dem Zeitpunkt aufgegeben, als ein Rollkoffer ziehender Telefonierer mir beim Einsteigen über die Füsse und vors Schienbein gefahren ist. Natürlich gab es keine Entschuldigung.
Level 2 ist daher für mich geschafft, wenn ich im Zug bin und nicht wenn ich im Zug bin ohne wen berührt zu haben.
Level 3 ist neu!!! Seit einiger Zeit sind in jedem Wagon überall grosse gelbe Aufkleber angebracht. "Show other people that you have a loving heart." Unter diesem Spruch sind Comicartig 3 Situationen abgebildet in denen man anderen eine Platz anbieten sollte.
1. Kleinen Kindern
2. Alten Leuten
3. Schwangeren
Da ich mich inzwischen eindeutig in Situation 3 befinde warte ich in Level 3 auf die Person mit dem "loving heart". Aber wie sich nun jeder denken kann achten telefonierende, gameboy spielende oder ipod hörende Menschen nicht auf Aufkleber. Ich strecke nun mal ordentlich meinen Bauch raus und schaue demonstrativ in Richtung Aufkleber. Nix passiert. Mein freier Arm stemmt sich in meinen belasteten Rücken. Nix rührt sich. Es kommt der erste Stop und es steigen Leute aus. Schnell werden die frei gewordenen Plätze von Handy-, Ipod und Gameboybenutzern besetzt. Vor meinem inneren Auge brennt sich ein Feindbild in die Netzhaut. Mein Hals ist da und er ist gross.
Level 3 ist wirklich schwierig. Um ehrlich zu sein habe ich Level 3 erst ein einziges Mal geschafft. Direkt nach dem Einsteigen ist ein junger Mann für mich aufgestanden und hat mir seinen Platz angeboten. Das war aber auch ein Inder und kein Chinese.
Level 4 ist relativ einfach und bis auf ein einziges Mal habe ich Level 4 auch jedes Mal geschafft. Aussteigen! Komme ich nicht aus dem Zug ist Level 4 verloren. Die Ein- und Aussteigepraxis ist ja aus Level 2 noch bekannt.
Level 5 ist dann wieder echte Knochenarbeit. Der Zug fährt im Zielbahnhof ein und Zielbahnhof ist gleichbedeutend mit dem Deutsche-Bahn-Ausspruch "Sehr verehrte Fahrgäste bitte steigen sie an dieser Haltestelle aus, der Zug endet hier." Was das in Hong Kong bedeutet kann man sich vermutlich nur vorstellen, wenn man schon einmal zu Rush-hour dabei war. Ich kann schlecht schätzen wie viele Leute in einen Zug passen, aber ich schätze so ca. 50 pro Wagon. Es hängen ca. 10 Wagons an einem Zug und von jedem Bahnsteig gibt es ca. 2 Rolltreppen mit paralellen Treppen die vom Bahnsteig nach oben führen. Ich dränge also mit ca. 250 Peronen auf einen Rolltreppeneinstieg zu. 240 von diesen telefonieren, spielen gameboy oder hören ipod. Die restlichen 10 sind keine Chinesen und schauen sich verzweifelt an. Wenn ich auf der Rolltreppe stehe oder oben angekommen bin fühle ich mich jedes Mal so als hätte ich Level 5 verloren. Meine Nerven liegen blank, meist ist mir ziemlich warm und ich spühre die Ader an meinem Hals. Ich habe das dringende Bedürfnis jemanden anzuschreien oder mit meiner Handtasche zu vermöbeln.
Ich habe mit vielen Westlern über dieses Bedürfnis gesprochen und es scheint wirklich niemanden zu geben, der meinen ganz persönlichen Level 6 nicht versteht oder Level 6 nicht mindestens einmal schon gewonnen hat. Level 6 heisst Rache!!! Und Level 6 ist die Entschädigung für Level 1-5 und unerlässlich um bei dem meist anstehenden Termin als halbwegs ansprechbare Person zu erscheinen.
Meine Waffen: Mein Handy, Mein Gameboy, Mein Ipod
Christians Waffen: Sein Laptoprollkoffer, sein Blackburry
Ich telefoniere und schaue in die Luft, ich weiche niemandem aus. Mein Weg ist frei! Wenn nicht, dann wird gerempelt. Christian schneidet mit seinem Laptoprollkoffer schnibbelnden Chinesen den Weg ab, so dass sie stolpern. Das ganze kommt übrigens besonders gut, wenn man auf seinem Ipod nicht grad Schmusesongs hört. Ach ja, trotz allem sind wir selbstverständlich Westler und entschuldigen uns mit einem höflichen Lächeln für unser Level 6.
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